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Gastbeitrag von Elodie Glerum & Ed Wige

 

Es ist 15 Uhr in Shanghai, 9 Uhr in Amsterdam. Das Bild ist noch nicht erschienen, aber der Ton ist schon da. Die Stimme entgleist mit einem zögerlichen „Hallo“. Die menschliche Verbindung braucht ein paar Augenblicke länger als die elektronische. Dann materialisieren sich unsere Gesichter auf dem Bildschirm, wir lächeln und Zoom kann beginnen. Wie schreiben Sie auf Französisch und tragen zur Schweizer Literaturszene bei, während Sie in einem anderen Land oder sogar auf einem anderen Kontinent leben? Das ist eine Frage, die wir – Ed Wige und Elodie Glerum, zwei Expatriate-Autoren mit der Schweiz als Heimatland (neben anderen) – uns oft stellen.

Neben unseren Publikationen und Einzeltexten gehören wir dem literarischen Kollektiv AJAR an, in dem rund zwanzig Autoren aus der französischen Schweiz zusammengeschlossen sind. Der von mehreren Händen geschriebene Roman «Vivre près des tilleuls» (Flammarion, 2016) ist eines unserer sichtbarsten Projekte, auch wenn es manchmal unsere vielen anderen Aktivitäten, auf der Bühne und auf dem Papier, überschattet.

Heute geht es bei Zoom um Seven Ordinary Days, ein gemeinsames Projekt von AJAR und bildenden Künstlern in China. Sieben Texte und sieben Illustrationen fangen eine imaginäre Woche ein, skizziert aus WeChat-Gesprächen und Fotoaustausch zwischen den Kontinenten. Manchmal kommt die Katze von Ed Wige ins Gespräch. Sein metallisches Schnurren und sein verpixeltes Fell erreichen den Norden Europas, bei Elodie. Fast 9.000 km trennen uns. Wir vergessen es fast, so ähnlich sind unsere Hintergründe: eine Stadtwohnung, zwangsläufig ein paar Bücher und Regale oder Schränke. Hinter unseren Kameras haben wir die Unordnung getarnt, die zu sichtbar ist, eine Unterhose oder eine Packung Zwiebel-Sahne-Chips, die auf einem Stuhl herumliegt. Davon abgesehen bedeutet, Teil von AJAR zu sein, dass wir die Lieblingspyjamas unserer Kameraden aus Airbnbs und Auftritten kennen, in der Schweiz oder anderswo.

Wir haben das erste Thema behandelt. Ein paar Schlucke Kaffee oder Kräutertee als Pause – man trinkt ja nicht das Gleiche am Anfang oder am Ende des Tages – und wir beschäftigen uns kurz mit «Loop It Baby», einem internationalen Poesie- und Übersetzungsprojekt, für das wir uns hauptsächlich per E-Mail austauschen. Ein slowenischer Kollege unterstützt uns: der Dichter und Forscher Aljaž Koprivnikar. Im Rahmen des Projekts wird über Texte in Niederländisch, Englisch, Deutsch, Schweizerdeutsch, Schwedisch, Slowenisch und Serbokroatisch gesprochen. In Amsterdam rüttelt der Wind an den Fenstern, in Shanghai bringt die Hitze die Körper zum Schwitzen. Es ist sowohl mittags als auch um 18:00 Uhr. „Sollen wir für heute Schluss machen?“ Die Gesichter verschwinden, aber der Lichthof der Silhouetten bleibt für einige Momente auf dem Bildschirm bestehen.

In China schreibt Ed Wige noch an der Beschreibung einer geplanten Lesung in Freiburg und kommentiert eine Kurzgeschichte auf Deutsch für den kleinen Schweizer Verlag minikri, bevor er seine Wontonsuppe geniesst. Was Elodie betrifft, so macht sie in den Niederlanden Fortschritte bei einer kommerziellen Übersetzung und fügt ein paar Zeilen zu einer Episode eines Fortsetzungsromans hinzu, den sie derzeit mit dem Genfer Autor Guy Chevalley schreibt. Bald wird es Zeit, Nudeln für das Mittagessen aufzuwärmen. Ja, in der Tat ist es durchaus möglich, sich aus der Ferne in das Schweizer Literaturleben einzubringen. Darum geht es bei Virtualität made in Switzerland.

Seven Ordinary Days ist ein Austausch zwischen 17 Künstlern aus China und der Schweiz über das alltägliche Leben und Schaffen. Das Ergebnis ist eine imaginäre Woche mit sieben Illustrationen und sieben Texten, die aufeinander reagieren. Ab dem 22. Mai 2021 wird sie auf Heidi.news, dem Online-Medium mit Blick über die Grenzen der Schweiz, zu sehen sein. Das Projekt wird von Pro Helvetia, der Schweizer Kulturstiftung, unterstützt.

 

 

«Loop It Baby!» ist ein fortlaufendes Experiment. Die Gedichte werden in einem internationalen Netzwerk von Dichtern und Übersetzern zirkuliert und in mehrere Sprachen übersetzt. Dieses internationale Projekt hat zum Ziel, uns virtuell zusammenzubringen, während wir kurze zeitgenössische Texte durch Polyphonie feiern.

Koordination: Elodie Glerum, Aljaž Koprivnikar et Ed Wige
https://www.versopolis.com/festival-of-hope/festival-of-hope/1115/loop-it-baby

 

Photo: Seven Ordinary Days artists & Ed Wige  

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