Kaum jemand rechnet damit, Opfer einer finanziell motivierten Entführung oder Erpressung zu werden. Dennoch leben, arbeiten oder reisen viele Menschen in Regionen, in denen solche Delikte vorkommen, teilweise sogar ein eigener Geschäftszweig sind, um zum schnellen Geld zu gelangen. Wer die Risiken kennt, kann gezielt vorsorgen und im Ernstfall besonnener handeln.
Die meisten Entführungen sind keine Zufallstaten. Täter suchen nach Menschen, die leicht zu erkennen, vorhersehbar und gut erreichbar sind. Mit wenigen Verhaltensregeln lässt sich das persönliche Risiko deutlich reduzieren. In diesem Beitrag geben wir Ihnen Tipps, wie Sie die Risiken senken und sich im Ernstfall verhalten, basierend auf den Erfahrungen einer der wichtigsten Kidnap and Ransom Versicherungsgesellschaften. Wir betrachten vier Bedrohungsformen:
- klassische Entführung
- Express-Entführung
- Virtuelle Entführung
- Erpressung
| Begriff | Kurz erklärt |
| Klassische Entführung | Das Opfer wird festgehalten und Angehörige oder Unternehmen sollen Lösegeld bezahlen. |
| Express-Entführung | Das Opfer wird festgehalten und gezwungen, selbst Bargeld oder Wertsachen zu beschaffen und herauszugeben. |
| Virtuelle Entführung | Täter täuschen eine Entführung vor, um Geld zu erpressen. |
| Erpressung | Es wird mit einem Schaden gedroht, wenn kein Geld bezahlt wird. |
Warum manche Menschen eher betroffen sind
Das Risiko hängt von drei Faktoren ab. Kriminelle mit finanzieller Motivation handeln meist nicht aus persönlicher Feindschaft. Sie suchen Personen,
- bei denen sich ein Lösegeld zu lohnen scheint (Profil),
- bei denen eine Entführung gut planbar ist, da die Person wiederkehrenden Tagesabläufe folgt (Routine)
- die möglichst leicht zugänglich sind (Zugang).
1. Profil
Ihr Profil entscheidet darüber, ob Sie aus der Menge herausstechen, Aufmerksamkeit erregen oder leicht erkennbar sind. Je weniger Sie auffallen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, als Ziel ausgewählt zu werden. Ihr Profil zeigt sich beispielsweise durch Folgendes:
- Fahrzeuge
- Kleidung
- Schmuck
- Smartphones
- soziale Medien
- Gespräche in der Öffentlichkeit oder auch im privaten Bereich
Heute reichen oft wenige öffentliche Informationen aus, damit Kriminelle ein erstaunlich genaues Bild einer Person gewinnen. Die wichtigste Regel ist also, möglichst nicht aufzufallen. Wann Sie auffallen, hängt stark vom Kontext ab. Passen Sie sich an die lokalen Gegebenheiten an!
2. Routine
Vorhersehbare Tagesabläufe machen Sie zu einem einfacheren Opfer. Sie erleichtern potenziellen Kidnappern die Planung. Kritisch sind alle Bewegungsmuster, die regelmässig und damit vorhersehbar sind.
- tägliche Arbeitswege
- regelmässige Restaurant- oder Fitnessstudiobesuche
- immer gleiche Abfahrts- oder Ankunftszeiten
Bereits kleine Veränderungen können helfen. Ändern Sie Ihre Routinen regelmässig und achten Sie darauf, dass Sie nicht zu voraussehbar sind.
3. Zugang
Auch wenn Sie potenziellen Tätern als mögliches Opfer aufgefallen sind, müssen sie Sie erreichen können. Den Zugang zu Ihnen lässt sich auf verschiedene Weise erschweren, zum Beispiel:
- Befinden Sie sich in unsicheren Gebieten, dann verbringen Sie möglichst wenig Zeit im öffentlichen Raum, nehmen Sie das Auto, statt zu Fuss zu gehen.
- Bewegen Sie sich wenn möglich in einer Gruppe, eine einzelne Person ist stärker gefährdet als mehrere.
- Bleiben Sie wachsam und nehmen Sie verdächtig erscheinende Situationen ernst, lieber einmal zu oft als zu wenig.
- Meiden Sie Strassensperren und andere Situationen, bei dem Ihr Fahrzeug eingekesselt werden kann.
- Achten Sie auf adäquate Sicherheitsvorkehrungen in Ihrem Zuhause oder in Hotels. Dazu gehören beispielsweise bewachte Zugänge, Alarmanlagen, Kameras, Beleuchtung und sichere Parkplätze.
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Verhalten im Ernstfall
Klassische Entführung
Bei klassischen Entführungen geht es den Entführern in der Regel um Geld. Sollten alle Präventionsmassnahmen versagen und Sie befinden sich in den Händen der Kidnapper, gelten folgende Empfehlungen:
- Bleiben Sie so ruhig wie möglich, zeigen Sie sich kooperativ, befolgen Sie Instruktionen, vermeiden Sie Augenkontakt und jegliche Konfrontation.
- Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie sich längere Zeit in Gefangenschaft befinden werden. Suchen Sie nicht den Kontakt zu den Kidnappern, sprechen Sie, wenn Sie gefragt werden und antworten Sie ehrlich.
- Informieren Sie die Kidnapper, mit wem sie die Lösegeldforderung verhandeln sollen.
- Wenn Sie Medikamente brauchen, dann fragen Sie. Sagen Sie, wenn Sie Essen, Wasser oder eine Decke benötigen.
- Meistens lohnen sich Fluchtversuche nicht, wägen Sie die Risiken vorsichtig ab.
- Sollte es zu einem Befreiungsversuch kommen, können Schüsse fallen. Suchen Sie Schutz und warten Sie ab, bis die Operation beendet ist.
- Wenn Sie freigelassen werden, dann geschieht dies voraussichtlich in einer Ihnen unbekannten Gegend. Suchen Sie ein Geschäft oder eine Tankstelle auf, halten Sie ein Auto an und kontaktieren Sie Ihre Familie, um möglichst schnell in Sicherheit zu kommen.
Express-Entführung
Express-Entführungen dauern meist nur wenige Stunden. Das Ziel der Täter ist innert kurzer Zeit von Ihnen Bargeld oder Wertgegenstände zu erzwingen. Sie nötigen Sie zum Beispiel bei einem Bankomaten Geld zu beziehen, verschaffen sich mit Ihren Schlüsseln Zugang zu Ihrem Büro oder Ihrem Zuhause.
- Auch hier gilt: Zeigen Sie sich kooperativ und bleiben Sie möglichst ruhig. Geben Sie den Entführern, was sie wollen.
- Fluchtversuche erhöhen in der Regel das Risiko. Meiden Sie die Konfrontation.
Virtuelle Entführung
Hier handelt es sich meist um Betrug. Die Täter spielen Ihnen vor, dass bspw. ein Angehöriger oder eine Mitarbeiterin entführt wurde. Vielleicht hören Sie im Hintergrund jemanden weinen oder flehen. Vielleicht denken Sie, dies sei Ihr Sohn oder Ihre Tochter. Der Anrufer kann auch behaupten, die festgehaltene Person habe etwas verbrochen. In allen Fällen wird der Anrufer aggressiv Geld von Ihnen verlangen. Nicht jede Lösegeldforderung bedeutet, dass tatsächlich jemand entführt worden ist. Wenn jemand behauptet, ein Angehöriger sei entführt worden, ohne konkrete Informationen zu geben, verhalten Sie sich wie folgt:
- Beenden Sie den Anruf – so schwer dies auch ist.
- Wenn Sie mit dem Anrufer reden, verwenden Sie nicht den Namen der Person, von der Sie glauben, dass sie festgehalten wird, geben Sie keine persönlichen Informationen preis. Bitten Sie direkt mit der Person zu sprechen, fragen Sie was genau passiert ist. Wenn es sich um eine virtuelle Entführung handelt, dann wird man Sie in der Regel nicht mit der Person reden lassen.
- Wenn Sie auflegen, dann versuchen Sie sofort die angeblich entführte Person zu kontaktieren.
- Häufig rufen die Täter mehrmals an. Zahlen Sie kein Lösegeld. In Fällen, in denen es sich um eine klassische Entführung handelt, werden die Entführer einen Weg finden, Sie zu kontaktieren und genug Spezifisches über die entführte Person wissen, um Sie von einer Entführung zu überzeugen.
- Zusammengefasst: Wenn der Anrufer wenig Details gibt, keine Namen nennt, jemand im Hintergrund weint – dann ist dies in aller Wahrscheinlichkeit Betrug und keine Entführung.
Erpressung
Bei einer Erpressung drohen die Täter, Ihnen oder Ihrer Familie etwas anzutun, falls Sie nicht eine gewisse Summe bezahlen oder seltener den Tätern andere Vorteile verschaffen. Allgemeine Drohungen, häufig über das Festnetz, seltener auf dem Mobiltelefon, ohne konkrete Informationen sind in der Regel nicht glaubwürdig und sollten ignoriert werden. Dass gerade Sie den Anruf erhalten haben, ist Zufall. Die Täter hoffen, auf jemanden zu treffen, den sie einschüchtern können. In gewissen Fällen ist die Nachricht jedoch so spezifisch, dass sie ernstgenommen werden muss. Verhalten im Ernstfall:
- Bewahren Sie Ruhe und reagieren Sie nicht vorschnell. Ist die Androhung unspezifisch oder basiert sie auf leicht auffindbaren Informationen, ignorieren Sie die Drohungen. Beenden Sie den Anruf.
- Ist die Drohung jedoch spezifisch, hören Sie zu, ohne etwas zu versprechen oder zuzusagen.
- Wenn Sie die Drohung als ernst wahrnehmen, holen Sie sich Unterstützung. Allenfalls muss mit den Tätern verhandelt werden. Eventuell müssen Sie die Gegend für eine Zeit verlassen, in der Hoffnung, dass die Bedrohung endet, wenn Sie längere Zeit nicht zugänglich sind.
Fazit
Absolute Sicherheit gibt es nicht.
Wer jedoch
- sein Profil reduziert,
- Routinen verändert,
- den Zugang erschwert
- und aufmerksam bleibt,
verringert das Risiko erheblich. Im Ernstfall gilt immer derselbe Grundsatz:
Ruhe bewahren. Kooperieren. Keine unnötigen Risiken eingehen.
Wenn Sie dazu in der Lage sind, dann kontaktieren Sie die Schweizer Vertretung oder Ihren Sicherheitsanbieter (z.B. Plan B, Kidnap & Ransom Versicherung).
Dieser Beitrag basiert auf Quellen von Elman Myers, Senior Consultant @Hiscox Crisis Management.