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Ein Auswanderungsbericht von Sylvie Simon und Christof Willen.

Am 19. August 2024 haben wir, Sylvie und Christof, den Schritt gewagt und sind nach Frankreich ausgewandert. Wir hatten unser Haus im September 2021 erworben und haben 3 Jahre jedes dritte Wochenende in unserer «résindence secondaire» verbracht. Erste Erfahrungen mit Handwerkern, der französischen Bürokratie, dem Stand der Digitalisierung, telefonischer Erreichbarkeit und Warteschlaufen konnten wir schon vor dem Auswandern sammeln.

In dieser Zeit haben wir versucht, uns möglichst umfassend über den Wechsel nach Frankreich zu informieren. Wir hatten den Eindruck, dass uns dies mehr oder weniger gelungen ist. Doch wie es so ist, hat man nie ein 100%iges Wissen … die Infos im Internet sind nicht immer verlässlich, teils widersprüchlich, Gesetze ändern im Laufe der Zeit, der eine sagt dies, die andere das, bei mir war’s so usw. Hinzu kommt der menschliche Aspekt, Dinge werden nicht immer gleich bearbeitet oder beurteilt, die komplizierte Bürokratie ist auch für betroffene Beamte manchmal ein Spiessrutenlauf.

Hier nun ein paar «Müsterli», die es in sich hatten.

CPAM – Staatliche Krankenversicherung

Wir haben zur Überbrückung eine Reiseversicherung für einen Zeitraum von 3 Monaten abgeschlossen und haben uns unmittelbar nach der Ankunft in Frankreich für die Aufnahme in die staatliche Krankenversicherung beworben. Wir sind dafür extra zu einer Zweigstelle der staatlichen Krankenversicherung gefahren und haben unsere Bewerbung am 5. September 2024 direkt abgegeben. Es gibt keinen Emailkontakt, keine Kommunikation über eine Website, solange man noch nicht im Besitz der «carte vitale» ist. Es läuft alles auf brieflichem Weg, war die Aussage der zuständigen Person. Da noch zwei Formulare fehlten, habe ich die per Post nachgesendet, was jetzt gleich zu einem Exkurs über die französische Post führt.

La Poste

Für die Franzosen ist die Post eine einzige Katastrophe. Ich habe meinen Brief mit einem «Sticker suivi» versehen, um Gewissheit zu haben, dass der Brief auch ankommt. Er wurde 3 Wochen durchs Land geschickt, bevor er die richtige Destination erreichte. Wir haben dann inzwischen die 40-minütige Fahrt auf uns genommen und die Formulare direkt abgegeben. Der Paketversand «Colissimo» hingegen funktioniert gut, jetzt wo die Pöstlerin weiss, wo wir wohnen. Was gleich zum nächsten Thema überleitet.

Anlieferung per UPS, DPD, GLS und Konsorten

Da wir sehr abgelegen wohnen, haben uns die Kuriere anfangs nicht gefunden. Es gab unzählige Anrufe, bei denen wir versuchten, den Chauffeuren den Weg zu erklären. Den «Point GPS» kommunizieren wir mittlerweile bei jeder Bestellung, meistens kommt die Info nicht bis zum Fahrer, oder sie machen davon keinen Gebrauch. Das Navi, wenn sie denn eins haben, führt sie auf unwegsames Gelände, was deren Laune auch nicht gerade hebt. Wir haben zusätzlich 3 Holzpfeile installiert, die den Weg zu unserem Haus weisen. Mittlerweile kennen uns die meisten Fahrer, es wird besser 🙂

Zurück zur Krankenversicherung:

Nach vielen nachfragenden und emotionalen Telefonaten, wie denn mittlerweile der Stand der Dinge ist, erhielt ich am 28. November 2024 endlich einen Anruf mit der Bestätigung, dass ich ab sofort in die CPAM aufgenommen werde. Unsere Reiseversicherung lief Ende November aus, und wir haben schon eine Verlängerung in die Wege geleitet, die wir dann wieder annullieren konnten. Ich müsse noch den Geburtsschein nachreichen und bekomme in den nächsten Tagen Post. Dieser Brief, der tatsächlich kam, war meine provisorische Krankenkassenkarte.
Unser Fall war besonders. Wenn wir gearbeitet hätten, wären wir subito in der CPAM aufgenommen worden, da die Anmeldung über den Arbeitgeber läuft. Wir waren jedoch «des personnes sans activité», was auch keine Arbeitslosen, keine Sozialhilfeempfänger und (noch) keine Rentner sind. Deshalb wurde unsere Bewerbung zur Prüfung an die «CREIC» weitergeleitet (centre des ressortissants européens inactifs CMUistes, auf deutsch Zentrum für nicht erwerbstätige EU-Bürger mit CMU-Versicherung), was den Prozess zusätzlich in die Länge zog. Wir sind zwar keine EU Bürger, aber egal.
Ich ging davon aus, dass der Brief von Christof ebenfalls unterwegs ist, was aber nicht der Fall war. Was zum nächsten Thema überleitet.

Sprachliche Verständigung am Telefon und überhaupt

Mein Franz ist jetzt nicht sooo schlecht, doch telefonieren in Frankreich ist eine echte Herausforderung! Oft sprechen die Leute viel zu schnell und man muss sie höflich darauf hinweisen, langsamer zu sprechen, was manchmal hilft, und manchmal auch nicht. Ausserdem geht es bei einem solchen Gespräch um eine uns noch unbekannte Amtssprache, mit hochgeschwollenen Ausdrücken, darin sind die Franzosen gut! Und überhaupt: Für ein Wort, dass wir in der Schweiz auf Französisch lernen, kennen die Franzosen mindestens fünf andere. Zum Glück gibt es DeepL 🙂 Jedenfalls habe ich bei diesen Gesprächen nicht alles im Detail verstanden, und mir ist nie aufgefallen, dass es nur um meine Bewerbung geht.

Es gab keine Bewerbung für Christof 🙁

Nach mehreren erneuten Anrufen wurde klar, dass gar keine Bewerbung für Christof vorlag. Sein Name wurde in den Gesprächen ab und zu erwähnt, jedoch nur in Zusammenhang mit meiner Bewerbung. Wie es dazu kam: Das Formular zur Aufnahme in die CPAM ist «zweikolonnig» aufgebaut. Links standen alle meine Daten, rechts die von Christof. Also von beiden ALLE möglichen Informationen. Auf einer nächsten Seite mussten wir die Ersparnisse von BEIDEN deklarieren. Dies suggerierte, dass die Bewerbung für uns beide gilt, obwohl nur ich unterschrieben habe (ja, jetzt bin ich auch gescheiter, gopf!).

Dieser Irrtum sollte sich noch als «Glück im Unglück» erweisen. Doch dazu später. Christof musste also seine Reiseversicherung erneuern. Ich habe erneut am 8. Januar 2025 die Bewerbung inkl. einem netten Brief eingeschrieben an die CPAM gesendet. Ich habe höflich versucht zu erklären, dass das Formular etwas irreführend war und wir es sehr schätzen würden, wenn sie die Bewerbung etwas «gleitiger» bearbeiten würden. Der Brief wurde nicht abgeholt und an uns retourniert, worauf wir erneut die Fahrt auf uns genommen haben und die Unterlagen direkt am Schalter abgegeben haben. Das war am 16. Januar 2025. Am 16. Februar 2025 erhielt Christof seinen Brief, bereits Ende Februar hielt er seine »carte vitale» in der Hand.

Huch, das war aber schnell! Es kann auch so gehen. Meine Karte liess auf sich warten, auf erneutes Nachfragen erhielt ich sie am 1. April 2025, kein Scherz! Ich habe dazu gerade einen interessanten link gefunden.

Da ist was gegangen …

Steuern und das «Glück im Unglück»

Die erste Steuererklärung darf man in Frankreich in Papierform einreichen. Wir haben Schweizer Nachbarn um Unterstützung beim Ausfüllen angefragt und die (natürlich unvollständige) Steuererklärung pünktlich eingereicht. Ein paar Tage später (es kann wie gesagt auch schnell gehen :-)) wurden wir telefonisch kontaktiert, und wir mussten bei der Steuerbehörde zur Besprechung antraben. Dort wurde uns erklärt, wie die 2. Und 3. Säule zu versteuern ist. So weit so gut. Natürlich waren wir auch steuertechnisch ein besonderer Fall, der Beamte hatte unsere Situation zum ersten Mal auf seinem Tisch, was er auch offen kommunizierte. Er meinte, nebst den Steuern seine noch Sozialabgaben zu entrichten, was die zu bezahlende Steuersumme beträchtlich in die Höhe trieb. Es waren insgesamt Abgaben irgendwo zwischen 20% und 25%. Unter Schock teilten wir dem Beamten mit, dass wir ev. einen Anwalt kontaktieren und uns noch anderweitig informieren wollten, wofür er Verständnis zeigte.

Diese Info hat uns kalt erwischt! Wir haben vor dem Auswandern diesbezüglich keine näheren Informationen eingeholt, da wir nicht davon ausgingen, dass auf die 2. und 3. Säule Sozialabgaben erhoben werden und diese Gelder sozusagen als «revenu» beurteilt werden. Auf Anraten von Soliswiss haben wir einen Anwalt engagiert.

Hier nun die Zusammenfassung, welche Abzüge gemacht wurden aufgrund der Argumentation unseres Anwalts:

  • Im Falle von Christof wurden keine Steuern auf die 2. Säule erhoben, da seine letzte Arbeitsstelle im öffentlich-rechtlichen Sektor war
  • Aufgrund dessen werden auch keine Sozialabgaben erhoben, hat vermutlich was mit dem Doppelbesteuerungsabkommen zu tun
  • Auf die Säule 3a wurden 7.5% Steuern erhoben, und in der Regel auch Sozialabgaben, doch nun kommts: Da er im Steuerjahr 2024 noch kein Mitglied der CPAM war, wurden keine Sozialabgaben erhoben. Mein Irrtum war sein Glück!
  • In meinem Fall wurden 7.5% Steuern auf die Säule 3a erhoben, und ebenfalls keine Sozialabgaben. Die Argumentation hier war, dass ich zum Zeitpunkt der Auszahlung der Säule 3a (das war am Zügeltag) kein Mitglied der CPAM war. Unser Anwalt meinte, dass diese Argumentation sehr umstritten sei, hat aber in unserem Fall funktioniert. Unsere Steuerbehörde hatte keine näheren Kenntnisse bezüglich dieser Situation. Da sie unsicher waren, hätten sie es akzeptiert, so der O-Ton des Steuerbeamten.

Natürlich finden wir es nicht nur gut, dass wir in einem hochverschuldeten Staat keine Sozialabgaben beitragen. Wir gingen davon aus, dass wir – so wie in der Schweiz – einen monatlichen Beitrag leisten müssten. Abzüge auf Pensionskassen- und Säule 3a-Gelder in dieser Höhe finden wir jedoch übertrieben.

Carte grise et permis de conduire

Der Fahrzeugausweis, die sogenannte «carte grise» haben wir verhältnismässig schnell und einfach erhalten. Nach nur 2 Monaten hatten wir unsere französische Autonummer.
Eine «demande de permis de conduire » kann man 6 Monate nach der Einwanderung beantragen. Dies kann man bequem online erledigen. Die Wartezeit ab Beantragung bis zum Erhalt des französischen Führerscheins beträgt mittlerweile fast ein Jahr, wir haben unsere «permis» eben erst erhalten.

Hier noch ein Tipp für ältere Semester:

Eine anbietergebundene email (bluewin, hispeed …) kann man nicht behalten, wenn man auswandert, sie wird gelöscht. Deshalb muss vorher bei allen Kundenkonten, Banken, etc., wo diese email verwendet wird, der Anmeldungsprozess erneuert werden. Der Zugriff auf ein Kundenkonto kann schwierig bis unmöglich sein, ebenso, einen Kundendienst zu erreichen (z.B. bei Amazon).

Wir glauben, die grössten bürokratischen Hürden hinter uns zu haben. Tatsächlich nimmt dies einige Zeit in Anspruch, doch zum Glück blieb auch noch Zeit für anderes 🙂 Im zweiten Halbjahr 2025 haben wir die meisten grösseren Renovierungen an unserem Haus realisieren können. Die Erfahrungen mit den Handwerkern sind praktisch durchwegs positiv, sie sind alle hoffnungslos überlastet aber geben ihr Bestes. Auch hier: Warten will gelernt sein. Um in Frankreich sein Glück zu finden, braucht es sicherlich Geduld, Gelassenheit, Demut und die Akzeptanz, dass die Franzosen anders ticken. Unser Haus, die Natur (wir leben quasi auf einer Waldlichtung ohne direkte Nachbarn), die Aussicht, die Ruhe, sind einfach unbezahlbar. Das wollten wir und das haben wir hier gefunden.

Liebe Grüsse aus den Vogesen

Cordialement
Sylvie & Christof

Dieser Bericht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Alle Informationen basieren auf unseren Erfahrungen, sind nicht in Stein gemeisselt und wurden nicht auf ihre Aktualität überprüft. Es ist eine Momentaufnahme. Es wird keine Verantwortung über den Ausgang von Handlungen übernommen, die aufgrund dieses Berichts getätigt oder nicht getätigt werden.

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